
Musik und Medien tendieren derzeit dazu vor allem Erfolg, Optimierung und Positivität zu feiern. Franzen macht etwas anderes. Er singt über das Scheitern. Über die Zweifel, die Ängste, die Abgründe, und darüber, dass genau darin etwas zutiefst Menschliches und Verbindendes liegt. Seine Songs sind eine warme Umarmung für das Unperfekte. Nicht als Trost, sondern als Bejahung.
Sebastian Franzen wuchs auf Sarakiniko auf, einer 72 Hektar großen Landzunge auf der griechischen Insel Ithaka. 1979 hatte eine Gruppe deutscher Aussteiger dort eine Kommune gegründet, ohne festen Strom- und Wasseranschluss, dafür mit Baumhäusern, Olivenhainen und dem Anspruch, eine andere Gesellschaftsform zu leben. Die Kinder von Sarakiniko kletterten auf jahrhundertealte Bäume, schwammen im Meer, halfen bei der Ernte und wuchsen mit einem Blick auf die Welt auf, der früh die Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit kannte. Schon dort lernte Franzen, dass gelebte Träume und geplatzte Träume oft dasselbe sind.
In der Dorfkapelle spielte er Saxophon, bis der Beatles-Film „Help“ ihn zur Gitarre und zum Klavier brachte. Er begann, eigene Songs zu schreiben. Nach dem griechischen Abitur kam er nach Deutschland, arbeitete beim Kindertheater, auf Baustellen, im Callcenter und bei einer Unternehmensberatung. Während des Studiums gründete er mit Malte Quarz die Liedermacher-Band „Billy Rückwärts“, die acht Jahre lang sein Lebensunterhalt wurde. In dieser Zeit entdeckte er die deutsche Sprache als Träger seiner Musik, und die Alltagssprache als die einzige Sprache, die etwas von allgemeingültiger Bedeutung auszudrücken vermag.
Nach der Auflösung der Band reiste Franzen durch Südostasien, Mittelamerika und die USA. Er segelte drei Monate auf dem Frachtsegler „Avontuur“ und transportierte Bio-Kaffee von Honduras nach Bremen. Er besuchte die Flüchtlingslager an der griechisch-türkischen Grenze. Erfahrungen, die sich nicht in Anekdoten erzählen lassen, aber in jedem seiner Songs mitschwingen.
Franzens Musik beschreibt die helle und die dunkle Seite in jedem von uns, ohne zu urteilen. Er hat den Mut zur Melancholie und Traurigkeit und sieht auch das als Lebensbejahung. Wo andere wegschauen oder Schuldige suchen, bleibt Franzen stehen und fragt, was uns trotz allem verbindet. Er gibt der Unentschiedenheit eine Form und der Ambivalenz einen Klang. Seine Songs halten die Spannung zwischen den Gegensätzen aus, ohne sie auflösen zu wollen, und finden darin eine wärmende Geborgenheit. Die Sehnsucht nach Versöhnung zieht sich durch alle seine Lieder. In Zeiten der Polarisierung mag das anachronistisch wirken. Franzen glaubt, dass es genau deshalb seinen Platz finden wird.
Sein Debütalbum „Identifikation“ erschien 2022, produziert von Jan Liesefeld. Anfang 2026 nahm er mit den Kölner Bands Asant und Johann Zeijl die Single „Hinterher“ auf, zum ersten Mal, ohne den Musikern den Song vorher zu zeigen oder ihnen etwas vorzugeben. Stattdessen Vertrauen in die Intuition und Musikalität der Musiker. Das Ergebnis hat ihn so überzeugt, dass er auf diesem Weg weitermacht. Kurz darauf stieß die Sängerin, Tänzerin und Choreografin Maggie Fabry dazu. Gemeinsam haben sie vier neue Singles live im Studio aufgenommen, die ab Ende Mai 2026 auf Goldfisch Records erscheinen.
Franzen lebt und arbeitet in Köln.
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